Thesaurierende ETFs in der Schweiz: Record-Date, Anteilsbestand und der Wash-Sale-Mythos
Thesaurierende ETFs sind bei Schweizer DIY-Anlegern beliebt: ein einziger ETF, alle Erträge werden automatisch reinvestiert, keine Mini-Dividenden, die sich auf dem Konto ansammeln. Steuerlich gibt es aber einen Punkt, den Anleger systematisch unterschätzen: nicht dein Bestand per 31.12. entscheidet über den steuerbaren Bruttoertrag, sondern dein Bestand am ICTax-Record-Date. Wer das nicht versteht, deklariert entweder zu viel — oder zu wenig.
Wie thesaurierende Erträge in ICTax abgebildet werden
Bei einem ausschüttenden ETF ist die Welt steuerlich einfach: jede Dividende, die im Steuerjahr aufs Konto fliesst, wird mit Datum, Stückzahl und Bruttoertrag in der ICTax-Kursliste erfasst. Du multiplizierst Anteile × Ertrag pro Anteil und bekommst deinen steuerbaren Bruttoertrag pro Position.
Bei einem thesaurierenden ETF gibt es keine echte Auszahlung. Trotzdem definiert die ESTV pro Steuerjahr einen oder mehrere Stichtage, zu denen der reinvestierte Ertrag steuerlich erfasst wird. Genauer: pro ISIN und Jahr trägt die Kursliste einen oder mehrere paymentDate-Einträge mit dem zugehörigen paymentValueChf. Dieser Stichtag ist dein Record-Date.
Konkretes Beispiel aus der Praxis:
| ETF-Typ | ISIN | Record-Dates 2025 | Ertrag pro Anteil |
|---|---|---|---|
| iShares Core MSCI World (thesaurierend) | IE00B4L5Y983 | 31.07.2025 (einmal jährlich) | 1.84 USD |
| Vanguard FTSE All-World (ausschüttend) | IE00B3RBWM25 | 26.03, 25.06, 24.09, 17.12.2025 | je ~0.28 USD |
Beim thesaurierenden iShares gibt es einen einzigen Stichtag im Jahr. Beim ausschüttenden Vanguard sind es vier. Für die Steuer zählt jeweils, wieviele Anteile du an genau diesen Daten gehalten hast — nicht der Bestand zum Jahresende.
Warum der Record-Date so oft falsch behandelt wird
Wer seinen Steuerausweis mit Excel selber baut, neigt zu einer der beiden Vereinfachungen:
- Variante A — alles auf den 31.12. mappen. Anteile per 31.12. × Ertrag pro Anteil. Klingt simpel, ist aber falsch: hast du im November noch ein paar Anteile dazugekauft, deklarierst du auf diese plötzlich rückwirkend einen Ertrag, den du gar nie verdient hast — der Record-Date war im Juli. Du überdeklarierst.
- Variante B — alles auf den Kaufpreis mappen. Total ignorieren, weil "ist ja nichts geflossen". Beim thesaurierenden Fonds das klassische Eigentor: dein steuerbarer Ertrag ist trotzdem in ICTax festgeschrieben. Wenn die Steuerverwaltung das aufgreift, unterdeklarierst du.
Beide Varianten sind aus Sicht der Steuerverwaltung problematisch. Die saubere Lösung ist immer dieselbe: Bestand am Record-Date × Ertrag pro Anteil am Record-Date, separat pro Record-Date, separat pro ISIN.
Beispiel-Rechnung mit drei Käufen
Annahme: du kaufst über das Jahr 2025 verteilt insgesamt 120 Anteile eines thesaurierenden World-ETFs:
| Datum | Aktion | Anteile danach |
|---|---|---|
| 15.03.2025 | Kauf 50 | 50 |
| 14.07.2025 | Kauf 30 | 80 |
| 31.07.2025 | Record-Date | 80 |
| 02.11.2025 | Kauf 40 | 120 |
| 31.12.2025 | Stichtag Vermögen | 120 |
Wenn der ICTax-Ertrag pro Anteil 1.84 USD beträgt und der USD/CHF-Kurs am Record-Date bei 0.87 lag, ist dein steuerbarer Bruttoertrag:
80 Anteile × 1.84 USD × 0.87 CHF/USD = 128.06 CHF
Nicht 120 × 1.84 × 0.87 = 192.10 CHF (so würde Variante A rechnen). Nicht 0 (so würde Variante B rechnen). Der Vermögenssteuerwert per 31.12. basiert dagegen auf den vollen 120 Anteilen.
Bei einem ausschüttenden ETF mit vier Record-Dates pro Jahr ist die gleiche Logik viermal anzuwenden — und genau hier wird die Excel-Lösung wirklich mühsam.
"Sell und Rebuy" rund um den Record-Date
In Diskussionsforen taucht regelmässig die Frage auf: "Was, wenn ich kurz vor dem Record-Date verkaufe und am Tag danach wieder kaufe?" Theoretisch hättest du dann zum entscheidenden Stichtag null Anteile — null Bruttoertrag. Steuerlich elegant?
In der Schweiz nicht. Drei Punkte:
- Es ist steuerlich auffällig. Identische Position vor und nach dem Stichtag, dazwischen ein Verkauf in den exakt richtigen Tagen — das fällt einer Steuerprüfung sofort auf. Steueranspruch-Vermeidung ist legal, Steuer-Umgehung in Reinform ist es nicht.
- Du riskierst die Einstufung als gewerbsmässiger Wertschriftenhändler. Häufige Trades, kurze Haltedauern, erkennbare Steuermotive — das sind genau die Kriterien, die Kantonale Steuerämter bei der Gewerbsmässigkeit prüfen. Folge: realisierte Kursgewinne werden plötzlich einkommenssteuerpflichtig. Du sparst 30 CHF Bruttoertrag und gefährdest die Steuerfreiheit von Kursgewinnen.
- Die Gebühren und der Spread fressen den Vorteil. Bei einem Bruttoertrag von 100–200 CHF und einer Doppel-Transaktion plus Spread bleibt selten etwas übrig.
Die einzige saubere Variante, den Record-Date zu beeinflussen, ist gar nicht zu kaufen kurz davor — also Käufe zeitlich so zu legen, dass sie nach dem Record-Date erfolgen. Das ist legal und unauffällig, aber nur dann sinnvoll, wenn du den ETF ohnehin frisch aufbaust. Bei laufenden monatlichen Sparplänen ist der Aufwand grösser als der Nutzen.
Worauf wir bei esteuer-broker achten
Bei der Erstellung des eCH-0196-konformen Steuerauszugs aus deinen DeGiro-Daten machen wir genau das, was Excel mühsam macht und meistens falsch:
- Wir lesen alle Record-Dates pro ISIN aus der ICTax-Kursliste — auch wenn pro Jahr drei oder vier davon existieren.
- Wir rekonstruieren deinen Anteilsbestand zu jedem Record-Date aus den Kontobewegungen deines DeGiro-Exports.
- Pro Record-Date rechnen wir: Bestand × Ertrag pro Anteil × FX-Kurs am Record-Date.
- Wir reconcilen das gegen die Brutto-Dividenden, die DeGiro selbst in der Jahresübersicht meldet (für ausschüttende ETFs). Stimmt das nicht in einem definierten Toleranzbereich, gibt es eine Warnung auf der Cover-Seite.
Das ist die Differenz zwischen "irgendwie ein Steuerauszug" und "ein Steuerauszug, der eine Prüfung übersteht".
Was du selbst noch tun solltest
Auch mit einem automatisch erstellten Auszug bleibt es deine Steuererklärung. Sinnvolle Kontrollen:
- Bei thesaurierenden ETFs mindestens stichprobenartig prüfen, dass die Record-Date-Daten sinnvoll aussehen (ein World-ETF mit nur einem Stichtag pro Jahr ist normal, einer mit zwölf wäre verdächtig).
- Bei ausschüttenden ETFs: die Anzahl der Dividenden-Einträge pro Position grob mit der Auszahlungsfrequenz deines Fonds vergleichen (quartalsweise → 4, halbjährlich → 2).
- Bei DA-1-relevanten ETFs: die Quellensteuer-Spalte plausibilisieren.
Wenn das passt, hast du eine Position, die ICTax-konform ist und auf der Steuer-Akte stehen kann.
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